Unverhofftes Wiedersehen Interpretations Hypothesis Statement

Johann Peter Hebel - „ Unverhofftes Wiedersehen “

Interpretieren Sie die Kalendergeschichte! Nutzen Sie geeignete Untersuchungskriterien für die Analyse!

Die Kalendergeschichte „Unverhofftes Wiedersehen“ von Johann Peter Hebel erzählt von einem jungen Liebespaar, welches kurz vor der Hochzeit durch den Tod des Mannes in einem Bergwerk für immer getrennt scheint. Aber nach fast einem halben Jahrhundert wird die noch gut erhaltene Leiche geborgen und der Verlobten übergeben. Die nun fast siebzigjährige Frau ist die einzige Hinterbliebene und sorgt für die Beerdigung des Mannes. An dessen Grab verabschiedet sie sich mit der Vorfreude auf ein baldiges Wiedersehen.

Diese beklemmende Geschichte um Liebe, Treue und Tod ist in eine bemerkenswerte Zeitstruktur eingebaut und trotzdem schafft es Hebel, dass ein munterer Plauderton bestehen bleibt. Beim ersten Blick auf den vorliegenden Text erkennt man eine Gliederung in drei Erzählabschnitte. Die Erzählung beginnt mit der Einführung in die Vorgeschichte. Dem Leser werden die zeitliche Festlegung (Z.1 „vor guten fünfzig Jahren“) und die Beziehung des Brautpaares und ihre Heirats- absicht dargelegt. Bis dahin ist die erste Phase noch in der neutralen Erzählweise geschrieben und aufgrund der vorherrschenden wörtlichen Rede ist sie noch zeitdeckend aufgebaut. Mit der Personifizierung eines Geschehens (Z.13 „da meldete sich der Tod“) kann man dann aber nicht mehr von einem neutralen Erzähler sprechen, sondern die auktoriale Erzählweise setzt ein. Dies wird auch noch an der beiläufigen Anmerkung „der Bergmann hat sein Totenkleid immer an“ (Z.15f.) deutlich. Da in den ersten 5 Sätzen von drei Geschehnissen gesprochen wird, nämlich Brautkuss, Aufgebot und Abschied am Morgen, die sich innerhalb von wenigen Tagen abspielen, muss man schon hier von Zeitraffung sprechen. Der erste Abschnitt endet damit, dass der Jüngling sich an einem Morgen von seiner Braut verabschiedet, im Laufe des Tages im Bergwerk um kommt und so dem jungen Mädchen keinen Guten Abend mehr wünschen kann.

In der zweiten Erzählphase kommt es zu einer noch extremeren Raffung. Hier erreic ht Hebel die erzählerische Wirkung einmal durch die Erweiterung des Erzählwinkels, der vorher auf einen kleinen, gemütlichen Privatbereich begrenzt war, auf die wichtigen historischen Geschehnisse in der Welt. In einer Erzählzeit von nur 18 Zeilen wird der Ablauf eines halben Jahrhunderts veranschaulicht. Während der scheinbar ungeordneten Aufzählung von siebzehn geschichtlichen Ereignissen in raffender, berichtender Darstellung („...und...und...und...“), tritt die Braut in den Hintergrund. Ihr Leben vergeht unberührt von den großen geschichtlichen Vorkommnissen in der Welt. Von ihr ist nur noch überleitend die Rede: „und vergaß ihn nie“ (Z.22). Dennoch kann man an der Aneinanderreihung der Begebenheiten eine Reihenfolge und einen Zusammenhang zur eigentlichen Handlung der Kalendergeschichte erkennen. Erstens sind sie nach der Abfolge in der Geschichte geordnet. Zweitens tragen die meisten Vorfälle einen negativen Aspekt des Scheiterns oder gar des Todes. Im fünften Satz wechselt der Erzähler plötzlich von den auffälligen Vorfällen der globalen Politik zu jenen kleinen, bescheidenen Alltagsvorgängen (Z.35ff. „Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombar- dierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten [!] und schnitten.“). Überdauernde Zustände und wiederholte Tätigkeiten werden benannt, sodass der Leser fast unmerklich an den eigentlichen Handlungsort, nämlich das Bergwerk in Falun, zurückgeführt wird (Z.38ff. „Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.“) Alle Aufmerksamkeit gilt nun wieder den Brautleuten und ihrem Schicksal. Mit ziemlich genauer Zeitangabe (Z.41 „im Jahr 1809“) schließt sich nun der dritte Erzählabschnitt an. Es zeigt sich wie der Lauf der Zeit seine Wirkung bei der Frau getan hat. Die einstige „junge hübsche Braut“ (Z.2/3) erscheint „in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters“ (Z.68). Im Gegensatz dazu steht die noch immerwährende „jugendliche Schöne“ (Z.69) des Bräutigams.

Die Frau hat ihren Bräutigam auf verschiedene Weise die Treue gehalten. Zum einen hat sie ihr Versprechen des Nichtvergessens gehalten, denn sie hat „fünfzig Jahre lang getrauert“ (Z.62) und zum anderen hat sie das schwarze Halstuch, welches sie an seinem Todestag vergeblich säumte (Z.19f.) in einem Kästlein aufbewahrt. Nun kann sie es dem unverhofft Wiedergesehenen an seinem Beer- digungstag umbinden (Z.78ff.). Es scheint als wäre das Kästlein ein Symbol für die vergangenen fünfzig Jahre, die sie einfach in einer Dose weggeschlossen hat.

Der ausbleibende Abendgruß des Mannes an seinem Todestag wird nun am Tag seiner Beerdigung durch das „Schlafe nun wohl“ seiner Verlobten ersetzt. Es kommt einem so vor, als ob keine fünfzig Jahre sondern nur ein Tag vergangen wäre. Überhaupt verhält sich die Frau so, als ob es ihr Hochzeitstag mit ihrem Verlobten wäre (Z.61 „es ist mein Verlobter“, Z.80ff. „und begleitete ihn ... in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre“). Außerdem wird auch vom Erzähler das „kühle Hochzeitbett“ (Z.84) mit dem Grab gleichgesetzt. Das „Unverhoffte Wiedersehen“ ist ein Zeichen dafür, dass das Paar mit Hilfe von Treue und Liebe der endlos erscheinenden und vergehenden Zeit entkommt. Mit einer souveränen Überlegenheit gegenüber der Zeit sagt die Frau: „...noch einen Tag oder zehen ... und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, ... (Z.83ff.). Sie zeigt keine Angst vor ihrem eigenen Tod, weil in ihr die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen mit ihrem Bräutigam im Jenseits schlummert (Z.86 „und bald wird’s wieder Tag“). Um eine Verbindung zwischen der vergänglichen Welt, dem Leben, und der Ewigkeit herzustellen, wird im Text dreimal das Motiv des Schlafes genutzt (Z.49, 52, 83). Dadurch werden die Schrecken des Todes verringert und der Glaube an eine Aufer- stehung im Himmel und ein neues Leben aufrecht erhalten.

Trotz des tragischen Hintergrundes ist diese einfache Erzählung einfühlsam und bewundernswert. Sie macht jedem Menschen Mut an die Liebe mit ihren Höhen und Tiefen zu glauben. Man sollte sich nicht von der Vergänglichkeit des Lebens einschüchtern lassen.

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Unexpected Reunion

In Falun in Sweden a good fifty years ago and more, a young miner kissed his pretty fiancée and said to her: „On St. Lucia's Day our love will be blessed by the priest's hand. Then we shall be man and wife and will build ourselves a little nest of our own.“ „And peace and love shall dwell in it,“ said the lovely woman with a sweet smile, „for you are my One and All and without you I would rather be in the grave than in another place.“ But when the clergyman had read the banns in church for the second time before St. Lucia's Day: „If any of you can show just cause why these two may not lawfully be joined together in holy matrimony,“ Death spoke up. For when the youth walked past her house next day in his black miner's garb (the miner always wears his shroud), he knocked on her window once more and said good morning to her but never again good evening. He never returned from the mine, and on that same morning she hemmed a black kerchief for him with a red border for their wedding – in vain. But when he did not come, she laid it aside and wept for him and never forgot him. Meanwhile the city of Lisbon in Portugal was destroyed by an earthquake, and the Seven Years' War passed by, and the emperor Francis I died, and the Jesuit order was abolished, and Poland was partitioned, and the empress Maria Theresia died, and Struensee was executed, America became free, and the combined French and Spanish power could not capture Gibraltar. The Turks locked up General Stein in the Veterani Cave in Hungary, and the emperor Joseph died too. King Gustav of Sweden conquered Russian Finland, and the French Revolution and the long war began, and emperor Leopold II went to his grave too. Napoleon conquered Prussia and the English bombarded Copenhagen, and the farmers sowed and harvested. The miller milled and the blacksmiths hammered, and the miners dug for metal veins in their underground workshops. But when in the year 1809, shortly before or after Midsummer Day, the miners of Falun wanted to dig through an opening between two shafts, a good three hundred ells deep under the earth, they dug out of the rubble and vitriol water the corpse of a young completely saturated with iron sulphate but otherwise showing no sign of decomposition and completely unaltered, so that one could still fully recognize his facial features and his age, as if he had died only an hour ago and had fallen into a light sleep at his work. But when he was brought up into the light of day, no one cared to recognize the sleeping youth or to know anything about his accident (his father and mother, friends, and acquaintances had long been dead) until the former fiancée of the miner appeared, the one who had one day gone down into the shaft and never returned. Gray and shriveley she came on a crutch to the public square and recognized her betrothed; and more in joyful rapture than in pain she sank down upon the beloved corpse; and only after she had recovered from a long, severe emotional crisis she finally said: „He is my betrothed, for whom I have mourned for fifty long years and whom God is letting me see once more before my end. A week before our wedding he went down into the pit and never came up again.“ Then the spirits of all the bystanders were moved to sadness and tears when they saw the former bride in the form of withered, feeble age and the bridegroom still in his youthful beauty, and how after fifty years the flame of youthful love awakened again in her breast; but he did not open his mouth to smile or his eyes in recognition; and how she finally had him carried by the miners to her small room, as the only person who belonged to him and who had a claim on him, till his grave was prepared at the cemetery. The following day when his grave in the cemetery was prepared and the miners fetched him, she unlocked a little box, tied the black silken kerchief with the red border around his neck, and accompanied him in her Sunday dress as if it were her wedding day and not the day of his burial. For when he was laid in his grave in the cemetery, she said: „Now sleep well for another day or ten in your cool wedding bed and don't let time hang heavy on your hands. I have only a little more left to do and will come soon, and soon it will be day again.“ - „What the earth has given back once, it will not keep for a second time,“ she said, as she went away and looked back once more.

(from: Johann Peter Hebel „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“)

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